Familie Lesser

Reinhard Helmut Lesser (links auf dem Bild) wurde am 14.12.1913 in Posen als Sohn jüdischer Eltern geboren.
Sein Vater Max Lesser entstammte einer Familie von Landmaschinenfabrikanten aus Posen, seine Mutter Wally Margarete Lesser, geb. Honig war die Tochter eines wohlhabenden Rechtsanwalts aus Gnesen. Im ersten Weltkrieg diente Max Lesser in der Infanterie als Oberwachtmeister an der Westfront. Als Jude war ihm die Offizierslaufbahn verschlossen. Reinhard Lesser verbrachte eine behütete Kindheit in einem großbürgerlich geprägten Haushalt in Posen mit Kindermädchen und einigen weiteren Hausangestellten.

Nach der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im ersten Weltkrieg wurde Posen, das im Zuge der ersten polnischen Teilung 1772 preußisch geworden war, 1918 in den wiedergegründeten polnischen Staat eingegliedert. Die deutsche Schule, in die Reinhard Lesser im Jahr zuvor eingeschult worden war, wurde von den Polen geschlossen. Seine Eltern weigerten sich, Reinhard in eine polnische Schule zu schicken und unterrichteten ihn zunächst zu Hause. Die Familie Lesser entschied sich 1920, Deutsch zu bleiben und verkaufte die Posener Fabrik, die zeitweise u.a. der größte Hersteller von Kartoffel-Ernte-Maschinen Europas war, an ein polnisches Unternehmen, dass Lokomotive baute. 1921 zog die Familie nach Brandenburg und bezog das Haus Domlinden Nr.5. Seinerzeit wohnten drei Familien in diesem Haus, das heute in elf Wohneinheiten unterteilt ist. Auch das Haus Hevellerstraße 2 gehörte der Familie. Max Lesser gründete eine kleine Fabrik, die aber in der Weltwirtschaftskrise bankrott ging. Bereits 1928 hatten sich Reinhard Lessers Eltern scheiden lassen. Der Immobilienbesitz der Familie wurde auf den Namen von Wally Lesser eingetragen, da die von ihr in die Ehe eingebrachte Mitgift von 400.000 M mit dem Untergang des Unternehmens nicht mehr vorhanden war. Die Mutter betrieb eine Gärtnerei in der Nähe und das Haus Tannenhof, ein Gästehaus in Bad Harzburg. Das Haus Tannenhof beherbergte später jüdische Urlauber, als Häuser in „arischem“ Besitz keine Juden mehr aufnehmen durften. 1930 veröffentlichte sie das „Wirtschaftsbuch der sparsamen Hausfrau“. Nachdem Reinhard Lesser 1932 das Abitur am Realreformgymnasium abgelegt hatte, begann er ein Jurastudium an der Universität Göttingen, wo sein Onkel, Richard Honig, Professor für Strafrecht und Römisches Recht war. Nach dem Aufstieg der Nazis an die Macht mussten Reinhard Lesser und sein Onkel Richard Honig 1933 wie alle jüdischen Studenten und Professoren die Universität verlassen. Richard Honig zog es zunächst in die Türkei, wo er wie dutzende weitere deutsche Professoren im Exil an der Universität lehrte. Atatürk wollte mit den deutschen Emigranten die Qualität der türkischen Universitäten auf internationales Niveau heben. Zwei Jahre später emigrierte er nach Amerika.

wally-lesser
lesser-brueder1918
max-lese
domlinden-1948
dom-lesser
gruender-fa-lesser-siegfried


Reinhard zog nach Berlin und arbeitete für den Filmvertrieb der Metro-Goldwym-Mayer (MGM). 1935 wurde er dort gekündigt, da er als Jude nicht weiterbeschäftigt werden durfte. Reinhard dachte nun an Auswanderung. MGM bot ihm eine Stellung in Argentinien an. 1936 besuchte er die Olympischen Spiele in Berlin, wo er Jesse Owens und der amerikanischen Mannschaft zujubelte und einen Blick auf Hitler erhaschte, wohl wissend, dass er bald nach Amerika aufbrechen würde. Reinhards Bruder Hans-Hermann wanderte 1936 nach Palästina aus.
Am 19.9.1936 erhielt Reinhard ein Visum außerhalb der normalen Quote vom amerikanischen Vize-Konsul. In den nächsten Wochen reiste er über Paris nach Cherbourg, wo er am 30.9. die R.M.S. Queen Mary auf ihrer Jungfernfahrt bestieg und nach Amerika aufbrach. Dabei hatte er drei Dollar und einen kleinen Koffer mit Kleidung und persönlichen Habseligkeiten. Am 5.10. erreichte Reinhard New York.
Reinhard nahm nun ein Architekturstudium an er University of Illinois auf. Er finanzierte sich durch Tellerwaschen und Nachhilfestunden, wobei ihm seine gründliche schulische Ausbildung in Deutschland sehr half Nach Beendigung seines Studiums 1940 heiratete Reinhard am 31.10.1942 Selma Liff, die Tochter jüdischer Auswanderer aus Russland. Sie bekamen vier Kinder. Reinhard schlug eine erfolgreiche Laufbahn als Architekt ein.
Seinem Bruder Erich gelang erst 1939 zusammen mit dessen Frau und dem zweijährigen Sohn die Flucht nach Australien. Um seine Ausreise zu ermöglichen hatte er 5.000 RM „Judenbuße“ zu zahlen. Für die Ausfuhrgenehmigung für das Gepäck waren weitere 650,00 RM zu zahlen. Dieser Betrag wurde eine Stunde vor Abfahrt noch auf 2.500,00 RM erhöht. Sämtlicher Schmuck und alles Silber mussten abgegeben werden.
In Deutschland verschärfte sich derweil die Lage von Reinhards Eltern. Ende der dreißiger Jahre wurden sie gezwungen, die Grundstücke in Brandenburg (Domlinden 5 und Hevellerstraße 2) und Bad Harzburg zu verkaufen.Am 14.11.1938 wurde Max Lesser in Leipzig, wo er jetzt wohnte,verhaftet. Er und seine neue Frau mussten in ein „Judenhaus“ ziehen, wo sie Deportation befürchteten. Max musste als Gartenarbeiter Zwangsarbeit verrichten. Er hatte immer noch geglaubt, er werde als dekorierter Weltkriegsfrontsoldat von Verfolgung verschont bleiben.

Das von Wally Lesser betriebene Haus Tannenhof in Bad Harzburg wurde in der Pogromnacht vom 9.11.1938 überfallen. Türen und Fenster wurden mit Äxten eingeschlagen. Vieles wurde gestohlen. Auch im Brandenburger Haus wurde eingebrochen, das Mobiliar und Geschirr zerstört. 1940 versuchte Wally Lesser nach Paris zu entkommen, was aber scheiterte, so dass als einziger Ausweg Schanghai verblieb, dem einzigen Ort, wo die Einreise für Juden ohne Visum oder Pass möglich war. Irgendwie schaffte sie es, eine Passage auf dem letzten Schiff von Italien zu ergattern, bevor Italien in den Krieg eintrat und die Seeroute geschlossen wurde. Die Strapazen der Flucht führten bei ihr zu ernsthaften Erkrankungen, so dass sie am 7.7.1941, erst 53jährig starb.
Sechs Monate nach ihrem Tode wurde Max Lesser mit seiner Frau wie die gesamte jüdische Bevölkerung Leipzigs ins Ghetto von Riga deportiert, wo beide umgebracht wurden.

Lit.: Memoirs of Reinhard Helmut Lesser 1913- 1987 with a postscript by Margaret Lesser Bach 2013 Copyright Margaret Lesser Bach